Not my job, Olympia in Hamburg!

Am 8. Juli 2015 findet auf Einladung der Kulturbehörde zu ein „Ideenfest“ statt, das das Kulturprogramm einer möglichen Olympiade in Hamburg zum Thema hat. Eingeladen sind ein paar Dutzend Hamburger Kulturschaffende, die eine „Steuerungsgruppe“ aus Kulturinstitutions-Vertreter ausgewählt hat – hier seht ihr, wer in dem Beratergremium sitzt.

Mich hat der Chefdramaturg des Deutschen Schauspielhauses, Jörg Bochow, eingeladen, an dem Ideenfest teilzunehmen. Ich habe mich dazu entschlossen, nicht hinzugehen und habe das in einem Schreiben an das Schauspielhaus begründet. Ich veröffentliche das hier als Beitrag zu einer Diskussion über Sinn und Zweck einer Olympiabewerbung, die in den nächsten Monaten hoffentlich Fahrt aufnehmen wird:

„Liebes Schauspielhaus, lieber Jörg Bochow,

herzlichen Dank für die Einladung, am 8. Juli auf Kampnagel, bei einem von der Kulturbehörde organisierten „Ideenfest“ zur Entwicklung eines möglichen Olympia-Kulturprogramms teilzunehmen. Als eine von ein paar Dutzend Hamburger „Persönlichkeiten“ soll ich „besondere Ideen zum Kulturprogramm beitragen“. Mir ist unwohl bei dieser Rolle.

Nicht zuletzt deshalb, weil eine der Fragen, an denen wir uns bei diesem Treffen abarbeiten sollen, lautet: „Was sind die Vorbehalte der Olympiagegner und wie kann man diese entkräften?“[1] Die Vorbehalte der Olympiagegner liegen in groben Zügen auf dem Tisch – sie betreffen die Kosten, die sozialen und ökologischen Folgen, die mögliche Verwandlung der Stadt in eine Hochsicherheitszone und eine Werbefläche der Olympia-Sponsoren sowie die Macht des IOC. Einem Club, der sich die Aufgabe stellt, diese Bedenken wegzuwischen, statt sie ernst zu nehmen, der stattdessen „Interesse und Begeisterung bei Hamburgern, Besucher aus aller Welt und TV-Zuschauern in aller Welt“[2] generieren soll, dem möchte ich nicht beitreten.

„Welche Geschichte erzählen wir in den kommenden neun Jahren?“ lautet eine Frage, die wir als „wichtigen Baustein“[3] beim „Ideenfest“ zum Olympia-Kulturprogramm erörtern sollen. Ich bin Journalist und Kulturschaffender, ich habe Geschichten ohne Rücksicht darauf zu erzählen, ob sie Hamburgs Ruf schaden oder nutzen. Ein Narrativ zu produzieren, welches diese Stadt für eine Olympiabewerbung erfolgreich macht – dafür gibt es Werbeagenturen.

Mag sein: Die sind nicht so authentisch und glaubwürdig (und kostengünstig) wie die Ideenlieferanten aus der Kulturszene. Und ich ahne auch, dass die Kulturinstitutionen und Kulturschaffenden, die zu diesem „Ideenfest“ zusammenkommen sollen, keinesfalls dazu aufgefordert sind, blanke Propaganda zu machen. Diesen Job machen derzeit andere – Politiker, echte Prominente und Mäzenaten aus dem Hamburger Unternehmertum, die öffentlich ihre Vorfreude zur Schau stellen und ihre Zuversicht, dass Hamburg die Spiele bekommt. Die Aufgabe der Kulturszene ist es wohl eher, die Hamburger Olympiabewerbung „kritisch zu begleiten“, wie Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard bei der Vorstellung der Olympia-Kulturprogramm-Gruppe im Mai sagte.

Klingt gut? Eben nicht. Genau diese Rollenverteilung – Kultur als kritische Begleiterin –ist die fragwürdige Position, die dem Kulturschaffen zugedacht ist. Längst leisten sich schlaue globale Unternehmen und clever kuratierte Großevents future labs und interdisziplinäre Ideenwerkstätten, in denen auch Künstlerinnen und Künstler best practices ausprobieren, die dann positiv auf die Marke der Auftraggeber einzahlen. Da kann der SUV, den der Autokonzern verkauft, noch so eine üble Dreckschleuder sein – am Ende bleibt der Slogan „Wir haben verstanden!“ hängen. Kultur soll Nachhaltigkeits-, Integrations-, und Problematisierungs-Narrative liefern. Sie soll der Hamburger Olympia-Bewerbung ein „Besonders wertvoll“-Prädikat verleihen.

Und was hat sie davon, die Kultur? Friedrich von Borries sucht in seinen Thesen zur Hamburger Olympia-Bewerbung nach dem „Mehrgewinn von Olympischen Spielen aus kultureller Sicht, außer den vermeintlichen Benefit eines ‚Größer’ und ‚Mehr’“ und fragt: „Welche strukturellen Defizite können anlässlich von Olympiaphantasien aus kultureller Sicht produktiv in Angriff genommen werden.“[4]  Sprich: Er schlägt vor, das Großprojekt Olympia als Gelegenheit für kulturpolitische Forderungen an die Stadt zu nehmen.

Ich glaube, umgekehrt wird ein Schuh draus. Diese Stadt – nicht anders als andere neoliberale – Metropolen – knüpft ihre Kulturpolitik seit über einem Jahrzehnt stark an stadtentwicklungspolitische Ziele. Der sogenannte „Sprung über die Elbe“, die Iba in Wilhelmsburg, die Hafencity mit der Elbphilharmonie und der eventhaften kulturellen Brachen-Zwischennutzung, der Versuch, Hamburg als „Marke“ und „kreative Stadt“ zu positionieren: All das spricht für die (nicht zuletzt anlässlich der Londoner Olympiade entwickelte) These der britischen Kulturtheoretiker Anthony Iles und Josephine Berry Slater, dass wir in einer „Ära der hochinstrumentalisierten öffentlichen Kunst“ leben. Kultur soll weicher Standortfaktor und Belebungsinstrument sein. Sie soll Aufmerksamkeit auf die Orte und Ereignisse lenken, die auf der jeweiligen politischen Agenda stehen. Jetzt halt Olympia. Eine Chance, strukturelle Defizite zu beseitigen? Es hat eher was von einer sanften Erpressung: Schaut zu, liebe Kulturinstitutionen, dass ihr euch programmatisch in die Pro-Olympia-Mobilisierung einbringt. Denn von Olympia werden auch Kulturbudgets abhängen. Ich meine: Eine Kultur, die sich aus Sorge um Fördertöpfe politischen Großprojekten anschließt und sich dabei dann kritisch geriert: Das ist Hofnarrentum. Kultur muss es sich leisten können, auf Distanz zur Macht zu gehen.

Mit freundlichen Grüßen, Christoph Twickel“

[1] Ergebnisprotokoll der Kulturbehörde zum ersten Treffen der sog. „Ad-Hoc-Gruppe“ zur Entwicklung eines Olympia-Kulturprogramms am 6. Mai 2015.

[2] Ebda.

[3] Ebda.

[4] Friedrich von Borries: Überlegungen zum Kulturprogramm der Hamburger Olympia/Paralympics-Bewerbung, 7.5.2015

Advertisements
Not my job, Olympia in Hamburg!

8 Gedanken zu “Not my job, Olympia in Hamburg!

    1. Jens schreibt:

      Vielen Dank für Ihre aufrechte Haltung und dafür, daß Sie sich nicht vor diesen Karren haben spannen lassen! In unserem Betrieb wird inzwischen lebhaft diskutiert, warum wir dieses verordnete und gleichgeschaltete „Feuer und Flamme“ – Brandmal auf unserer Homepage tragen sollten. Nach vielen Gesprächen zu diesem Thema wage ich die Prognose, dass die Mehrheit von uns gegen die Spiele in Hamburg ist. Mit Ihrer Entscheidung und Ihrem Artikel auf dieser Seite ermutigen Sie uns und sicherlich viele andere dazu, in ihrem Einflußbereich Flagge zu zeigen und sich auch öffentlich gegen die Olympiabewerbung Hamburgs auszusprechen.

      Gefällt mir

  1. Michael Franz schreibt:

    Meine Hochachtung für diese Haltung die ich Deutschlandweit vermisse.
    Olympia ist im Ursprung eine gute Sache.
    Das aber genau dieses Hamburger Olympia dazu dient wieder mal eine Bank, Investoren und unfähige Politiker und die Handelskammer zu retten, wird natürlich nicht kommuniziert.
    Die HSH soll abgewickelt werden, es geht darum das Hamburger und Schleswig Holsteinische Steuerzahler für die Verluste von ~ xx Mrd. Euro aufkommen müssen.
    Siehe „Die Zeit, 10. Juli 2015 Und was sagen Sie so zur HSH?, Hanna Grabbe“
    140 Mio. zahlte Deutschland alleine nur an Anwaltskosten für das geheime Schiedsgericht der „Toll Collect“ ÖPProjekt die ihre 7 Mrd. Staatsschulden nicht zahlen wollen.

    Kunst, Kultur und Kulturschaffende und Bürger sollen nun über ÖPP, PPP für unfähiges Wirtschaften genau von denjenigen die nun unbedingt Olympia nach Hamburg holen wollen, haften und nebenbei die Verluste der HSH ausgleichen.
    Das ist eine inzwischen übliche Unkultur da die gewachsene Gesamtkultur umfangreich zerstört wird.

    Wie verzweifelt ist der Hamburger Filz?
    Der Bau der Gelddisharmonie dauert länger als der Bau des Panamakanals.
    Das Hamburger Dauer-Drama dürfte inzwischen bühnenreif sein.

    Gefällt mir

  2. Erna schreibt:

    Besten Dank Herr Twickel für Ihr ehrliche Haltung!
    Dieses abgekarte Spiel von Frau Kisseler i. A. von Herrn Schulz ist erbärmlich und eine Schande für die Pressefreiheit und unabhängige Berichterstattung. Dabei ist gerade Herr Scholz als Bürgermeister dafür verantwortlich, dass auch in Hamburg die Landesrundfunkanstalten von den Bürgern einen Zwangsbeitrag einkassieren und sie anschließend mit Regierungs-PR zu beschallen.

    Gefällt mir

  3. Michael Franz schreibt:

    Sorry das ich weiter aushole. Ich habe einen Nachtrag, eher künstlerisch.

    Wer sich den Handelskammer Hurra Sender namens HH1 ansieht,
    erkennt eindeutig wie Presse „gleichgeschaltet“ wird. Weit mehr als wiederlich, staatlich finanziert!

    Zu gerne würde ich den Begriff „mas-“ „turbare“, Schifffahrtsfonds und Hamburg HASPA (Lucke, Straubhaar) die höchst kriminell seitens der aktuellen Hurra-Olympia Befürworter vertrieben wurden,
    in gedachtem „Olymp-ia“ in Bezug zur Kunst/Kultur bringen wollen.

    Der Sender Hamburg 1 scheint öffentlich, rechtlich, durch die genozide Hurra Handelskammer gefördert zu sein.
    Der leider verstorbene Heiko Möhle und seine Hamburger Analyse „Branntwein, Bibel und Bananen“ zeigt das Hamburg wieder diesen Weg geht.
    Im Michel, der vorzeige Kirche der HASPA wird ein Völkermord in Stein gehuldigt, im UNESCO Erbe Speicherstadt wird Hitler und die Jesuiten verehrt.
    Kaum UNESCO schon kommt whitewashing der Übelsten, staatliche Geschichtsklitterung.
    Die Frage wer mit dem Geld der bundesweit einmaligen Hamburger Feuerkasse spielt, sollte lieber nicht gestellt werden.

    Christoph Twickel, ich danke Ihnen und würde mir eine Diskussion auf breiter Ebene wünschen.
    Ich würde Ihnen alle meiner Informationen zur Verfügung stellen.

    Reeper-, Seilbahn über die Elbe..
    Was fürn Glück das die Masse nicht dämlich ist.
    Es wäre eine niemals korrigierbare Beleidigung, tiefste Verachtung aller, inkl. Hamburg.
    Wie sagte Bismarck es: die erste Generation ist eine Niete.. genau das ist in Hamburg erkennbar.
    Ob Schiffergesellschaft, „Ehrbare Kaufleute“ etc. Die Nieten/Vollpfosten die geerbt haben…
    Ruinieren vieles. „Väter und Söhne“, Heinson hat bedingt recht.
    Ehrbare Kaufmann.. der totale Witz, Wieviel Fonds Anteile kaufst DU?

    Mein Opa erzählte mir als ich 5 Jahre „alt“ war, Kimme, Korn, Schuss, da fiel ein Kommunist vom Dach.

    Was überhaupt niemals in Hamburg realisiert wurde:
    Aus allen Ländern dieser Erde egal welche Religion gingen die „Reeper“ und drumherum gegen die Nazis/Handelskammer vor.
    Hand in Hand, Juden, Chinesen, Portugiesen, Willy Bredel und viele aus allen Ländern dieser Erde mehr, völlig Religionsbefreit gegen die Nazis/Handelskammer.
    Kunst Kultur, reale Inhalte…
    Sternmarsch, der HH Justiz dunkelstes Kapitel. Sie geloben Besserung und sind aber fast exakt wieder dort !

    Eine indirekte Bestätigung durch die „justiziable Gleichschaltung“ der Kultur gibt es..
    Sorry, ich werde mein Leben gegen diese Un-Kultur setzen.

    Gezeichnet, Gründer des Nord-Netz, die Idee 2007 trägt Früchte.
    Mein Herz blutet seit Jahren…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s