Olympia: Jasager und Neinsager

Große Enttäuschung. Um was hat sich Hamburg da alles gebracht! Eine „einmalige Gelegenheit für die Stadt“ (Alexander Otto, ECE-Chef) „für die Tourismus-Branche eine riesige Chance“ (Norbert Aust, Vorsitzender des Tourismusverbandes Hamburg e. V.), stattdessen „der Sturz in die Provinzialität für lange, lange Zeit“ (Michael Batz, Lichtkünstler) und ein „schwerer Rückschlag für die Zukunftsgewandtheit unserer Stadt“ (Hans-Jörg Schmidt-Trenz, Handelskammer-Boss). So, wie die Olympia-Lobbyisten das aus ihrer Sicht verlorene Referendum kommentieren, könnte man meinen, Hamburg habe am 29.11.2015 darüber befunden, ob die Olympischen Spiele 2024 an der Elbe stattfinden sollen oder nicht.

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Zwei Sammelkarten aus der Serie „Warum wir uns nicht auf olympische Spiele freuen“
Oben: Hamburgs Innensenator Neumann mit DOSB-Funktionären in Sotschi, Frühjahr 2015
Unten: Softballstadion in Athen, 2004 erbaut, heute ungenutzt

 

Haben sie aber gar nicht. Es ging lediglich um die Frage, ob sich die Stadt als Austragungsort bewerben soll. Die Chancen darauf, die Spiele wirklich zu bekommen, wären – nicht zuletzt wegen der aussichtsreicheren EM 2024 – eher mäßig gewesen. Dennoch musste die Olympia-Lobby  nach Kräften so tun, als wäre Hamburg der Top-Kandidat. Schließlich geht es in dem Bewerbungszirkus darum, sich als rückhaltlos begeistert und siegessicher zu inszenieren. Offensichtlich waren die Protagonisten des „Ja“ von ihrer  Inszenierung auch so beseelt, dass sie ein „Nein“ für völlig unvorstellbar hielten. Dementsprechend lang waren die Gesichter auf der Olympialobbyparty in der „Barclaycard-Arena“ (früher „O2-World“, davor „Colorline-Arena“).

Jenseits aller Gentrifizierungs- und Sicherheitszonen-Bedenken, die man gegen Olympia hegen kann, liegt in dieser Inszenierung schon einer der Hauptwidersprüche in der Idee von nachhaltigen, bescheidenen und korruptionsfreien Spielen, wie sie die Hamburger Bewerbung in Aussicht stellte. Man kann eben nicht gleichzeitig in einer Stadt eine aufrichtige, offene Debatte über Kosten und Nutzen einer solchen Großveranstaltung führen und allgemeine Euphorie über selbige ausrufen. Wie soll das gehen: Einerseits das IOC aus Hamburg mit einer ganz kritischen Reformforderung zu konfrontieren – und ihm gleichzeitig mit Lichterketten um die Alster und Menschenketten-Olympiaringen im Stadtpark vorjubeln zu wollen, wie restlos begeistert wir alle sind. Man kann nicht gleichzeitig kritische Zivilgesellschaft und Nordkorea spielen.

Dementsprechend war es mit der aufrichtigen, offenen Debatte auch gar nicht so weit her. Sie hätte z.B. beginnen können mit der Frage, warum olympische Spiele und Weltmeisterschaften heute gerne in Diktaturen und korrupten Regimes stattfinden, wo sich Sponsorenforderungen einfach  dekretieren lassen, wo es keine Zivilgesellschaft gibt, die Schmiergelder debattiert oder sich wundert, dass von den Einnahmen aus den Medienrechten kaum etwas da verbleibt, wo die Spiele stattfinden – oder wie es sein kann, dass sich das IOC Demonstrationen während der Spiele per Host City Vertrag verbittet.

Man kann nicht behaupten, dass die anderen Lokalmedien die Argumente der Olympiagegner verschwiegen hätten, auch die Kritik des Rechnungshofes wurde brav vermeldet. Abgesehen von der leidigen Chronistenpflicht aber stellten sich die meisten Player in Hamburgs Medienlandschaft  fast rückhaltlos in den Dienst der Bewerbung – einen „Rekordversuch des abhängigen Journalismus“ nannte es die Süddeutsche. Das Hamburger Abendblatt launchte gar eine Pro-Olympia-Webkampagne mit dem Titel „Hamburg sagt ja“. Fast täglich brachte die größte Tagesszeitung der Stadt fröhliche Daumen-Hoch-Fotos mit lachenden Bürgermeistern, Spitzensportlern, Kammerfürsten und Funktionären oder bunte Visionen von einem neuen Stadtteil, den uns ganz bestimmt der Bund bezahlt (als wären das keine Steuergelder). All die Kommentatoren, die nun darüber lamentieren, wie kleingeistig und provinziell Hamburgs Bürgerinnen und Bürger abgestimmt haben, täten gut daran, darüber nachzudenken, wieviel Provinzialismus in diesem Jasager-Journalismus schlummert.

Gestern noch die Hamburger für ihre Olympiabegeisterung gelobt, heute schon sind sie ein Haufen mutloser, selbstzufriedener Neinsager. Ein rasanter Schwenk. Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider stellt sich gleich mal vor, wie die Hamburger wohl über Hafencity und Elbphilharmonie abgestimmt hätten: „Nach den Erfahrungen mit Olympia kann man davon ausgehen, dass beide Projekte krachend gescheitert wären“, schreibt Haider und schlussfolgert, dass zuviel Plebiszit die repräsentative Demokratie schwächt: „Und es stellt sich die Frage, welche Rolle der Senat und die repräsentative Demokratie bei den wichtigen Entscheidungen für die Stadt überhaupt noch spielen. Nach den vergangenen großen Referenden hat man den Eindruck: kaum eine. Das ist gefährlich, weil dadurch die Autorität und die Legitimation der Regierung zusätzlich geschwächt wird.“ Eigenartige Logik: Direkte Demokratie ist nur dann in Ordnung, wenn das Volk so abstimmt, wie es die gewählte Regierung entschieden hat. „In der Bürgerschaft gab es eine breite politische Mehrheit für die Kandidatur“, lamentiert Bild-Kolumnist Christian Kersting. „Es bestand also überhaupt keine Notwendigkeit, eine Volksabstimmung durchzuführen.“

Der Präsident des Hamburger Sportbundes Jürgen Mantell bringt es in der Bild auf den Punkt: „Man kann nun darüber nachdenken, wie vernünftig es ist, zu so komplexen Fragen die Bevölkerung zu fragen.“ Merke hier: Wenn das Ergebnis nicht stimmt, war die Frage zu komplex für die Befragten. Wenn das das Demokratieverständnis der Prolympioniken ist, kann man heilfroh sein, dass sie aus dem Rennen sind.

Und wohin jetzt mit all den olympiavorfreudigen Projekte, die Hamburg gestartet hat? „Kulturolympiade nimmt Fahrt auf“ lautete z.B. eine Pressemitteilung der Kulturbehörde, drei Tage vor dem Referendum herausgegeben. Sechs Kulturprojekte, die sich mit dem Thema Olympia beschäftigen, waren Ende September für eine Finanzierung ausgewählt worden. Schadenfreude ist unangebracht, vielleicht darf man aber sagen, dass es ein bisschen unverantwortlich ist, Kulturschaffenden Fördergelder zu geben, damit sie zu einem politischen Projekt arbeiten, dessen Existenz von einer Volksabstimmung abhängt. Hoffen wir, dass die Performances schon gelaufen sind. Vielleicht ja so nonchalant wie das „Restaurant Olympia“: „Der Kurator und Kulturaktivist Jan Holtmann hatte im November jeweils zehn Abende mit zehn Gästen bei unterschiedlichen Gastgebern organisiert, um sich in ungezwungener Atmosphäre bei Tisch über Olympia auszutauschen.“ Ein schönes Projekt, scheint mir, weil es das Korrumpierte, das solchen herbeigeförderten Themenprojekten innewohnt, auf ganz unverblümte Weise auslebt: Essen auf Kosten der Kulturbehörde – für den Preis einer Pressemitteilung. Das ist der Deal.

Ob es die Refugee-Krise war, ob die Pariser Anschläge die Hamburger mehrheitlich gegen Olympia mobilisiert haben oder die Unklarheit, wie viele Milliarden der Bund zuschießt: Wer weiß es. Wovor ich Respekt hätte: Wenn Hamburgs Senat die Schlappe als Wählerauftrag interpretieren würde, sich nunmehr prioritär (oder: jetzt aber mal richtig prioritär) um das zu kümmern, was die Stadt offensichtlich mehr bewegt als Olympia: Die Lage der Geflüchteten. Eine Schattenseite der Olympia-Bewerbung scheint mir gewesen zu sein, dass Hamburgs Senat vor der Abstimmung unbedingt so tun musste, als hätte man alles bestens im Griff. Und das deckte sich eben nicht mir den Alltagserfahrungen vieler Menschen, die den Notstand in den Erstaufnahmeeinrichtungen, den Baumärkten, den Lagerhallen und den Zeltlagern miterlebt haben. Spricht es gab (und gibt) ein Unbehagen über eine Stadtregierung, die sich nicht eingesteht, dass ihr Apparat von der Flüchtlingskrise überfordert ist und stattdessen Olympia plant.

Olympia: Jasager und Neinsager

Refugees in Hamburg III: Lost in Eidelstedt

Sonntagabend brachte die Bundeswehr etwa 200 Refugees in einem ehemaligen Baumarkt in Eidelstedt unter. Ehrenamtliche haben für das Allernötigste in den ersten Stunden gesorgt und die Nacht bei den Leuten gewacht. Hier mein Bericht für ZEIT Online:

http://blog.zeit.de/hamburg/alleingelassen-in-hamburg-eidelstedt/

Inzwischen haben Bundeswehrsoldaten gemeinsam mit den Flüchtlingen angefangen, Trennwände aufzustellen. Sevgi Ünver berichtet, bisher seien noch keine Duschen aufgestellt worden.

Alle, die Zeit haben zum Helfen und Aufbauen, sind herzlich gebeten, vorbeizukommen.

Ein paar Fotos aus der Halle:

Nur in den Kundentoiletten des ehemaligen Baumarktes können sich die Menschen waschen.
Nur in den Kundentoiletten des ehemaligen Baumarktes können sich die Menschen waschen.
Refugees, die im ehemaligen Baumarkt in Eidelstedt übernachtet haben.
Refugees, die im ehemaligen Baumarkt in Eidelstedt übernachtet haben.
Mobiltelefone auflagen - im ehemaligen Praktiker-Baumarkt in Eidelstedt.
Mobiltelefone aufladen – im ehemaligen Praktiker-Baumarkt in Eidelstedt.
Am Freitag mietete die Innenbehörde den leerstehenden Baumarkt als Notunterkunft an.
Am Freitag mietete die Innenbehörde den leerstehenden Baumarkt als Notunterkunft an.
Refugees in Hamburg III: Lost in Eidelstedt

Refugees in Hamburg II: Zeltdorf im Moorpark Jenfeld

Heute, Mo der 28.9.15, in Jenfeld gewesen, wo seit Mittwoch etwa 600 Geflüchtete in Zelten untergebracht sind. Getroffen habe ich dort Abeer Ahmad, 24 Jahre, Syrerin und Kurdin (auf dem Foto links), die seit zwei Wochen mit ihrer Familie (Mutter, zwei Brüder, Schwester) in einem Zelt lebt – gemeinsam mit 15 anderen Leute, notdürftig mit Tüchern abgetrennt. Sie hatte über deutsche Bekannte auf Facebook um Support gebeten – die Familie war vorher in Bochum in einer Schule untergebracht und versteht einfach nicht, warum sie aus einer relativ komfortablen Situation umziehen mussten in eine Stadt, in der es nur noch Zelte und Feldbetten für Geflüchtete gibt. Ich habe versucht zu erläutern: Refugees werden in Deutschland prozentual auf alle Bundesländer verteilt . Weil das mit deutscher Gründlichkeit und Präzision gemacht wird, müssen Menschen in andere Bundesländer, die in Hamburg angekommen sind und anderen Menschen, die anderswo angekommen sind, müssen nach Hamburg. „Königsteiner Schlüssel“ heißt das.

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Die Syrerinnen fühlen sich der Situation hilflos ausgeliefert und klagen über die nächtliche Kälte: Auf den Feldbetten (siehe Fotos) ist es zugig und man renkt sich den Rücken aus. Von Fördern und Wohnen haben sie Schlafsäcke bekommen, die sie als Matratzenersatz nutzen, weil die Kleiderkammer Karoviertel gespendete Decken vorbeigebracht hat – ohne die ginge es  nicht. Die in den Zelten aufgestellten Heizungen sind noch nicht in Betrieb, auf dem Platz werden gerade Gräben ausgehoben und Rohre verlegt, offensichtlich richtet sich F&W darauf ein, dass die Zeltstadt auch über den Winter bleibt.

Abeers Mutter ist Rheumatikerin und hat vor zwei Tagen wegen der nächtlichen Kälte Fieber bekommen. Die Kinder haben darum gebeten, sie ins Krankenhaus zu bringen – von der Einrichtungsleitung kam die Auskunft, sie müsse erst von einem Arzt vor Ort untersucht werden. Der kam schließlich nach zwei Stunden und die Mutter wurde im Krankenhaus untersucht. Man gab ihr Paracetamol. AOK-Karten, mit denen Refugees selbst einen Arzt aufsuchen können, hat die Familie noch nicht bekommen. Überhaupt haben sie keinerlei Dokumente mit denen sie sich in der Stadt bewegen könnten – lediglich weiße Plastikkarten, die bei den Securitykräften abgeben müssen, wenn sie die Einrichtung verlassen. Ihre Pässe seien bei der Behörde, eine Meldebestätigung haben sie noch nicht, somit haben sie auch kein Geld bekommen, um sich eine Fahrkarte zu kaufen oder ihre Mobiltelefone aufzuladen. „Ohne Meldebestätigung geht garnichts“, sagt Abeer. „Wir sind an diesen Ort gefesselt.“ Alle zehn Tage ließe sich jemand von der Behörde blicken – so etwas wie ein Sozialmanagement, das die Bewohnerinnen und Bewohner berät, gäbe es hier nicht. Die Security-Kräfte der Firma Weko, immerhin, verhielten sich sehr freundlich und hilfsbereit.

Abeer bestätigte einen Bericht der „Mopo“, demzufolge es am Freitag Proteste gab. Auslöser sei gewesen, dass die Innenbehörde am Abend cirka 45 Refugees neu in das Lager einweisen ließ – und diese Menschen seien dann einfach in bereits voll belegte Zelte einquartiert worden. Einige Familien hätten sich dagegen gewehrt, die ihnen fremden Neuankömmlinge in ihr Zelt zu lassen. Weil die Einrichtungsleitung nicht darauf eingegangen sei, hätten einige aus Protest die Zeltstadt verlassen und auf dem Bürgersteig campiert.

Abstract: In a small park in Jenfeld in the outskirts of Hamburg there are around 600 refugees in tents. I went there to meet Abeer Ahmad, 24, a kurdish woman from Syria who lives there with here family for 2 weeks now. They don’t understand, why they were transferred from Bochum, where they lived comfortably in a former school to a city that has only tents to offer. I tried to explains the distribution system in our country which works with teutonic precision but also illogical in a way. The family complains about the cold – the management is still working on implementing the heaters for the tent (which also means: Seemingly the refugees have to hibernate there). They don’t have any documents that would allow them to leave the camp, to receive their social money they would need a certificate of registration which they are still waiting for. „We are practically stuck here“, says Abeer. Her mother is a rheumatic and caught strong fever from the cold, she had to wait for the doctor before being transferred to a hospital, there she received only a pain-remedy. On friday, Abeer reported, there have been protests because the Ministry of Interior sent 45 more people to the camp which is already overcrowded.

P.S. Beim googlen eine Facebook-Seite „Gegen die Flüchtlinge im Jenfelder Moorpark“ entdeckt – mit einschlägiger rechtsradikaler Hasspropaganda. Bei FB gemeldet, nach einer Stunde kam die Rückmeldung: „Wir haben die von dir wegen Hassbotschaften oder -symbole gemeldete Seite geprüft und festgestellt, dass sie nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstößt.“

Refugees in Hamburg II: Zeltdorf im Moorpark Jenfeld

Refugees in Hamburg: Bergedorf, ehemaliger Max-Bahr-Markt.

Kleiner Bericht vom ehemaligen Max-Bahr-Markt in Bergedorf, in dem seit Freitag Geflüchtete untergebracht sind: Die Meldung im „Abendblatt“, derzufolge „fast alle“ der 600 Menschen inzwischen das Gebäude betreten haben, ist nicht ganz korrekt. Tatsächlich harren noch immer mehrere Dutzend Menschen vor dem Eingang des Geländes aus und weigern sich, in die Halle zu ziehen. „Wir waren jetzt zwei Monate lang in den Messehallen“, sagt Mohammed, 32 Jahre, aus dem Libanon (auf dem ersten Foto rechts). „Da war es schon schlimm – in dieser Halle ist es noch schlimmer.“ Die Protestierenden verlangen Transfer in reguläre Unterbringen, so lange wolle man auch kein Essen und Trinken von F&W annehmen, sagt Mohammed. Es seien auch Frauen und Kinder sowie zwei Schwangere unter ihnen, sagt er. Am Nachmittag fuhren LKWs mit Bauabsperrungen vor, aus denen jetzt Trennwände für die Menschen in der Halle gebaut werden. Ein Video, das mir zugespielt wurde – https://vimeo.com/140592086 – zeigt die Zustände im Ex-Baumarkt – die Leute haben sich z.T. schon selbst Tücher aufgespannt, um ein Minimum an privatem Raum zu haben.

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P.S.: Die „taz“ berichtet inzwischen, dass es sich um einen Hungerstreik handelt: „Die Protestierenden vor dem Zaun wollen erst wieder essen, wenn die Behörden ihr Versprechen einlösen und für eine würdige Unterkunft sorgen“, sieht hier: http://taz.de/Unmenschliche-Zustaende-in-Unterkuenften/!5233233/

Refugees in Hamburg: Bergedorf, ehemaliger Max-Bahr-Markt.

Endlich: Hamburg spricht finanzstärkere Mieter an

Heute fand sich im Abendblatt folgender Bericht über ein neues Studentenwohnheim: http://www.abendblatt.de/hamburg/hamburg-mitte/article205460485/500-Euro-Kaltmiete-fuer-neue-Studentenwohnungen.html

In dem Appartmenthaus im Bezirk Mitte, Nähe Hauptbahnhof, kosten 21 Quadratmeter „ab 500 Euro Kaltmiete“ wie der zuständige Investmentmanager erklärte. Feinsinnigen Humor beweist das „Hamburger Abendblatt“ mit folgender Bildunterzeile:

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Katharina Fegebank von den Grünen ist Hamburgs zweite Bürgermeisterin. Das vollständige Zitat: „Sicher sind diese Appartments für viele unerschwinglich. Solche Angebote machen trotzdem Sinn, um gezielt finanzstarke Mieter anzusprechen und damit den Nachfragedruck auf andere kleinere und günstigere Wohnungen zu senken.“ Und weiter, siehe oben: „Unter den Mietern werden Studierende und Azubis mit entsprechenden finanziellen Möglichkeiten sein.“

Eine ganz neue Stoßrichtung antizyklischer Wohnungsbaupolitik: Je unerschwinglicher, desto sozialer. Wenn die finanzstarken Studierenden dann ihren Abschluss gemacht haben, können sie vielleicht hier einziehen:

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http://hamburg.neubaukompass.de/Hamburg/Altona/Bauvorhaben-Goldbachstrasse/

Dieses Scheusal wird gerade in meiner Nachbarschaft gebaut. Da kostet die „kompakte 2-Zimmer Wohnung“ mit knapp 51 Quadratmetern 264.300 Euro, also 5189 pro Quadratmeter. Und für 183 Quadratmeter „Freiraum über den Dächern von Altona“ wären 1.226.300 Euro zu berappen, macht 6697 Euro pro Quadratmeter. Upps, wo bleibt der berühmte Drittelmix, den der SPD bei jedem Neubauvorhaben durchzusetzen gelobt hat? Ein Drittel Eigentum, ein Drittel frei finanziert, ein Drittel sozialer Wohnungsbau? Ah, Drittelmix gilt erst ab 21 Wohneinheiten! Und die Lüthen & Co. Immobilien GmbH baut hier eben zufällig bloß 20 Wohnungen. Dafür abgerissen: Das alte, zum Kasernenbestand gehörende Atelierhaus, in dem der Bildhauer POM über drei Jahrzehnte lang gearbeitet hat.

Endlich: Hamburg spricht finanzstärkere Mieter an

Not my job, Olympia in Hamburg!

Am 8. Juli 2015 findet auf Einladung der Kulturbehörde zu ein „Ideenfest“ statt, das das Kulturprogramm einer möglichen Olympiade in Hamburg zum Thema hat. Eingeladen sind ein paar Dutzend Hamburger Kulturschaffende, die eine „Steuerungsgruppe“ aus Kulturinstitutions-Vertreter ausgewählt hat – hier seht ihr, wer in dem Beratergremium sitzt.

Mich hat der Chefdramaturg des Deutschen Schauspielhauses, Jörg Bochow, eingeladen, an dem Ideenfest teilzunehmen. Ich habe mich dazu entschlossen, nicht hinzugehen und habe das in einem Schreiben an das Schauspielhaus begründet. Ich veröffentliche das hier als Beitrag zu einer Diskussion über Sinn und Zweck einer Olympiabewerbung, die in den nächsten Monaten hoffentlich Fahrt aufnehmen wird:

„Liebes Schauspielhaus, lieber Jörg Bochow,

herzlichen Dank für die Einladung, am 8. Juli auf Kampnagel, bei einem von der Kulturbehörde organisierten „Ideenfest“ zur Entwicklung eines möglichen Olympia-Kulturprogramms teilzunehmen. Als eine von ein paar Dutzend Hamburger „Persönlichkeiten“ soll ich „besondere Ideen zum Kulturprogramm beitragen“. Mir ist unwohl bei dieser Rolle.

Nicht zuletzt deshalb, weil eine der Fragen, an denen wir uns bei diesem Treffen abarbeiten sollen, lautet: „Was sind die Vorbehalte der Olympiagegner und wie kann man diese entkräften?“[1] Die Vorbehalte der Olympiagegner liegen in groben Zügen auf dem Tisch – sie betreffen die Kosten, die sozialen und ökologischen Folgen, die mögliche Verwandlung der Stadt in eine Hochsicherheitszone und eine Werbefläche der Olympia-Sponsoren sowie die Macht des IOC. Einem Club, der sich die Aufgabe stellt, diese Bedenken wegzuwischen, statt sie ernst zu nehmen, der stattdessen „Interesse und Begeisterung bei Hamburgern, Besucher aus aller Welt und TV-Zuschauern in aller Welt“[2] generieren soll, dem möchte ich nicht beitreten.

„Welche Geschichte erzählen wir in den kommenden neun Jahren?“ lautet eine Frage, die wir als „wichtigen Baustein“[3] beim „Ideenfest“ zum Olympia-Kulturprogramm erörtern sollen. Ich bin Journalist und Kulturschaffender, ich habe Geschichten ohne Rücksicht darauf zu erzählen, ob sie Hamburgs Ruf schaden oder nutzen. Ein Narrativ zu produzieren, welches diese Stadt für eine Olympiabewerbung erfolgreich macht – dafür gibt es Werbeagenturen.

Mag sein: Die sind nicht so authentisch und glaubwürdig (und kostengünstig) wie die Ideenlieferanten aus der Kulturszene. Und ich ahne auch, dass die Kulturinstitutionen und Kulturschaffenden, die zu diesem „Ideenfest“ zusammenkommen sollen, keinesfalls dazu aufgefordert sind, blanke Propaganda zu machen. Diesen Job machen derzeit andere – Politiker, echte Prominente und Mäzenaten aus dem Hamburger Unternehmertum, die öffentlich ihre Vorfreude zur Schau stellen und ihre Zuversicht, dass Hamburg die Spiele bekommt. Die Aufgabe der Kulturszene ist es wohl eher, die Hamburger Olympiabewerbung „kritisch zu begleiten“, wie Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard bei der Vorstellung der Olympia-Kulturprogramm-Gruppe im Mai sagte.

Klingt gut? Eben nicht. Genau diese Rollenverteilung – Kultur als kritische Begleiterin –ist die fragwürdige Position, die dem Kulturschaffen zugedacht ist. Längst leisten sich schlaue globale Unternehmen und clever kuratierte Großevents future labs und interdisziplinäre Ideenwerkstätten, in denen auch Künstlerinnen und Künstler best practices ausprobieren, die dann positiv auf die Marke der Auftraggeber einzahlen. Da kann der SUV, den der Autokonzern verkauft, noch so eine üble Dreckschleuder sein – am Ende bleibt der Slogan „Wir haben verstanden!“ hängen. Kultur soll Nachhaltigkeits-, Integrations-, und Problematisierungs-Narrative liefern. Sie soll der Hamburger Olympia-Bewerbung ein „Besonders wertvoll“-Prädikat verleihen.

Und was hat sie davon, die Kultur? Friedrich von Borries sucht in seinen Thesen zur Hamburger Olympia-Bewerbung nach dem „Mehrgewinn von Olympischen Spielen aus kultureller Sicht, außer den vermeintlichen Benefit eines ‚Größer’ und ‚Mehr’“ und fragt: „Welche strukturellen Defizite können anlässlich von Olympiaphantasien aus kultureller Sicht produktiv in Angriff genommen werden.“[4]  Sprich: Er schlägt vor, das Großprojekt Olympia als Gelegenheit für kulturpolitische Forderungen an die Stadt zu nehmen.

Ich glaube, umgekehrt wird ein Schuh draus. Diese Stadt – nicht anders als andere neoliberale – Metropolen – knüpft ihre Kulturpolitik seit über einem Jahrzehnt stark an stadtentwicklungspolitische Ziele. Der sogenannte „Sprung über die Elbe“, die Iba in Wilhelmsburg, die Hafencity mit der Elbphilharmonie und der eventhaften kulturellen Brachen-Zwischennutzung, der Versuch, Hamburg als „Marke“ und „kreative Stadt“ zu positionieren: All das spricht für die (nicht zuletzt anlässlich der Londoner Olympiade entwickelte) These der britischen Kulturtheoretiker Anthony Iles und Josephine Berry Slater, dass wir in einer „Ära der hochinstrumentalisierten öffentlichen Kunst“ leben. Kultur soll weicher Standortfaktor und Belebungsinstrument sein. Sie soll Aufmerksamkeit auf die Orte und Ereignisse lenken, die auf der jeweiligen politischen Agenda stehen. Jetzt halt Olympia. Eine Chance, strukturelle Defizite zu beseitigen? Es hat eher was von einer sanften Erpressung: Schaut zu, liebe Kulturinstitutionen, dass ihr euch programmatisch in die Pro-Olympia-Mobilisierung einbringt. Denn von Olympia werden auch Kulturbudgets abhängen. Ich meine: Eine Kultur, die sich aus Sorge um Fördertöpfe politischen Großprojekten anschließt und sich dabei dann kritisch geriert: Das ist Hofnarrentum. Kultur muss es sich leisten können, auf Distanz zur Macht zu gehen.

Mit freundlichen Grüßen, Christoph Twickel“

[1] Ergebnisprotokoll der Kulturbehörde zum ersten Treffen der sog. „Ad-Hoc-Gruppe“ zur Entwicklung eines Olympia-Kulturprogramms am 6. Mai 2015.

[2] Ebda.

[3] Ebda.

[4] Friedrich von Borries: Überlegungen zum Kulturprogramm der Hamburger Olympia/Paralympics-Bewerbung, 7.5.2015

Not my job, Olympia in Hamburg!